Bun­des­tag will Holo­do­mor als Völ­ker­mord an Ukrai­nern anerkennen

Ber­lin (dts Nach­rich­ten­agen­tur) – Der Bun­des­tag will die von Sta­lin ver­ur­sach­te Hun­gers­not in der Ukrai­ne in den Jah­ren 1932/33 in einer Reso­lu­ti­on als Geno­zid am ukrai­ni­schen Volk aner­ken­nen. Das geht aus einem gemein­sa­men Antrag von SPD, Grü­nen, FDP und CDU/CSU her­vor, über den die FAZ in ihrer Frei­tags­aus­ga­be berich­tet. Der Text wur­de zum Gedenk­tag für die auf Ukrai­nisch als „Holo­do­mor” bezeich­ne­te Kata­stro­phe fer­tig­ge­stellt, der in der Ukrai­ne immer am letz­ten Sams­tag im Novem­ber began­gen wird. 

Der Holo­do­mor, dem in der Ukrai­ne etwa vier Mil­lio­nen Men­schen zum Opfer gefal­len sind, rei­he sich ein „in die Lis­te men­schen­ver­ach­ten­der Ver­bre­chen tota­li­tä­rer Sys­te­me, in deren Zuge vor allem in der ers­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts in Euro­pa Mil­lio­nen Men­schen­le­ben aus­ge­löscht wur­den”, heißt es in dem Reso­lu­ti­ons­ent­wurf, über den kom­men­de Woche abge­stimmt wer­den soll. Das Ver­bre­chen sei Teil der gemein­sa­men Geschich­te als Euro­pä­er. Die­ses „Mensch­heits­ver­bre­chen” sei in Deutsch­land und der Euro­päi­schen Uni­on aber bis­her wenig bekannt, heißt es im Text der Reso­lu­ti­on. Die Abge­ord­ne­ten for­dern die Bun­des­re­gie­rung auf, zur Ver­brei­tung des Wis­sens über den Holo­do­mor und zum Geden­ken an des­sen Opfer bei­zu­tra­gen. „Mehr denn je tre­ten wir in die­sen Tagen des völ­ker­rechts­wid­ri­gen Angriffs­kriegs Russ­lands auf die Ukrai­ne, der gleich­zei­tig einen Angriff auf unse­re euro­päi­sche Frie­dens- und Wer­te­ord­nung dar­stellt, dafür ein, dass für Groß­macht­stre­ben und Unter­drü­ckung in Euro­pa kein Platz mehr sein darf”, heißt es im Text der Reso­lu­ti­on. „Putin steht in der grau­sa­men und ver­bre­che­ri­schen Tra­di­ti­on Sta­lins”, sag­te der Initia­tor des Antrags und Vor­sit­zen­de der deutsch-ukrai­ni­schen Par­la­men­ta­ri­er­grup­pe im Bun­des­tag, Robin Wagener (Grü­ne). „Heu­te wird die Ukrai­ne erneut mit rus­si­schem Ter­ror über­zo­gen. Erneut sol­len durch Gewalt und Ter­ror der Ukrai­ne die Lebens­grund­la­gen ent­zo­gen, das gesam­te Land unter­wor­fen wer­den.” Die poli­ti­sche Ein­ord­nung des Holo­do­mors als Völ­ker­mord sei ein „Signal der Mah­nung”. Ähn­lich äußer­te sich der men­schen­rechts­po­li­ti­sche Spre­cher der Uni­ons­frak­ti­on Knut Abra­ham (CDU): „Die­se Aner­ken­nung ist um so wich­ti­ger, weil die Ukrai­ne heu­te erneut Ziel­schei­be einer rus­si­schen Aggres­si­on gewor­den ist.” Die Hun­gers­not 1932/33 war eine Fol­ge von Ent­schei­dun­gen der sowje­ti­schen Par­tei­füh­rung. Nach­dem in der Sowjet­uni­on bereits 1931/32 infol­ge der Kol­lek­ti­vie­rung der Land­wirt­schaft und der Zwangs­re­qui­rie­rung von Lebens­mit­teln zahl­rei­che Men­schen ver­hun­gert waren, ver­schärf­te die Par­tei­füh­rung unter die Sta­lin die­se Maß­nah­men im Herbst 1932 wei­ter. In Gebie­ten, die die vor­ge­ge­be­nen Abga­be­nor­men für Getrei­de nicht erfüll­ten, wur­den Lebens­mit­tel voll­stän­dig kon­fis­ziert, die Hun­ger­ge­bie­te wur­den abge­rie­gelt. Die Ukrai­ne wirbt seit Jah­ren für eine Aner­ken­nung des Holo­do­mors als Völ­ker­mord in Par­la­ments­re­so­lu­tio­nen. Russ­land lehnt eine sol­che Ein­ord­nung kate­go­risch ab, da dem gro­ßen Hun­ger in der Sowjet­uni­on Anfang der drei­ßi­ger Jah­re nicht nur Ukrai­ner, son­dern auch Rus­sen, Kasa­chen, Wol­ga­deut­sche und Ange­hö­ri­ge ande­rer Völ­ker zum Opfer gefal­len sind. Ins­ge­samt wird die Zahl der Hun­ger­to­ten jener Jah­re auf etwa sie­ben Mil­lio­nen Men­schen geschätzt. In der Reso­lu­ti­on des Bun­des­tags wird dar­auf hin­ge­wie­sen, dass in der Ukrai­ne gleich­zei­tig mit dem künst­lich her­bei geführ­ten Hun­ger auf dem Land in den Städ­ten Intel­lek­tu­el­le ver­folgt wur­den, „mit dem Ziel die­se als Trä­ger kul­tu­rel­ler Iden­ti­tät zu ver­nich­ten”. Wäh­rend in der Ukrai­ne seit Jah­ren zum Holo­do­mor geforscht wer­de, „for­ciert die auto­ri­tä­re Staats­füh­rung in Russ­land unter Wla­di­mir Putin eine ideo­lo­gi­sier­te Geschichts­po­li­tik, die eine Auf­ar­bei­tung der sta­li­nis­ti­schen Ver­bre­chen, ein­schließ­lich des Holo­do­mors, ver­hin­dert”, heißt es in dem Text. In der Sowjet­uni­on war der Holo­do­mor ein Tabu, sei­ne Erwäh­nung wur­de verfolgt.

Foto: Ukrai­ni­sche Flag­ge auf dem Par­la­ment in Kiew, über dts Nachrichtenagentur

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